antisemitismus combo 1524316192 1024x576Immer mehr Fälle von Antisemitismus erschüttern die Gesellschaft. Kazim Erdogan (kl. Foto, li.) sieht diese Entwicklung mit Sorge Foto: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. /dpa/Christian Lohse/Privat

Immer mehr Fälle von Antisemitismus. Zuletzt wurde ein junger Israeli angegriffen, als er mit Kippa durch Prenzlauer Berg lief. Es ist beschämend, so etwas darf nicht sein! Ein Essay des Psychologen und Soziologen Kazim Erdogan.

Jüdische Kinder werden in Schulen bedroht. „Jude“ gilt auf vielen Pausenhöfen als Schimpfwort. Gerade wurde in Prenzlauer Berg ein Mann mit einer Kippa von einem jungen Araber attackiert.

Ich sehe diese Entwicklung mit großer Sorge. Sie ist Teil einer größeren Entwicklung in unserer Gesellschaft: der allgemeinen Zunahme von Hass. Das ist auch eine Folge der Sprach- und Kommunikationslosigkeit, die für mich die schlimmste Krankheit unserer Zeit ist. Wenn Menschen nicht mehr miteinander sprechen, wenn sie nur noch über digitale Verbindungen lesen und sich dabei mit Hass aufladen, wird sich das irgendwann entladen. Dann haben wir die Bilder, die wir täglich sehen.

antisemitismus2 1524315650Der Israeli Adam (21, Foto li.), der mit Kippa durch Prenzlauer Berg lief, wurde von einem syrischen Flüchtling (19, Foto re.) mit einem Gürtel geschlagen, beschimpft: „Du bist ein jüdischer Bastard!“ Der Täter stellte sich, Haftbefehl wegen gefährlicher Körperverletzung, er befindet sich seither in U-Haft (Foto: Christian Lohse/YouTube) 

Wir achten nicht mehr auf unsere Zunge. Der Ton wird allgemein schärfer. Das gilt auch für Muslime, die über Juden sprechen und sie als „Erzfeinde“ bezeichnen. Diese Vorstellung ist besonders unter einfach denkenden Leuten verbreitet, die ihren Verstand nicht einsetzen wollen oder können. Wenn dann noch irgendein verrückter Imam aufsteht und behauptet: In Gaza werden Menschen getötet, weil sie Muslime sind, gießt er Öl ins Feuer.

antisemitismus4 1524315645 768x432Liam Rückert (15 re.) wurde in der „Schule an der Jungfernheide“ mehrfach beleidigt ( u.a. „Scheiß-Jude“), will nun nach Israel auswandern (Foto: Peter Mueller)

Die Feststellung, dass es unter Muslimen einen verbreiteten Antisemitismus gibt, bringt uns allein aber nicht weiter. Wir müssen etwas tun, wir müssen mit diesen Menschen intensiv sprechen. Hier sehe ich besonders die vielen Muslime in der Pflicht, die sich vom Judenhass abgestoßen fühlen. Sie müssen den anderen Muslimen sagen: Der Glaube ist Eure persönliche Angelegenheit, er soll die Menschen nicht trennen, es gibt kein „Wir gegen Euch“ – und erst Recht keinen Platz für pauschalen Hass auf Ethnien oder Gruppen! Diese Auseinandersetzung gilt es zu suchen, um dem Antisemitismus nach dem Schneeballprinzip Paroli zu bieten.

Wie beim Kampf gegen jede Art von Hass gilt auch hier: Jeder kann etwas tun. Jeder ist aufgefordert, seine Stimme zu erheben.

antisemitismus3 1524315654 768x432An der Tempelhofer Paul-Simmel-Schule drohte ein muslimischer Mitschüler einem jüdischen Mädchen mit dem Tod (Foto: Olaf Selchow)

Denn Antisemitismus beginnt nicht erst bei offener Hetze gegen Juden. Antisemitismus unterstützt auch derjenige, der das Problem totschweigt und judenfeindliche Vorfälle unter den Teppich kehrt.

"Es wäre mein Traum, dass Zehntausende Muslime in Berlin aufstehen und diese Attacke auf das Schärfste verurteilen würden!"

Ich würde mir wünschen, dass der abscheuliche Angriff vom vergangenen Dienstag in allen Moscheen in Berlin und Deutschland ein Thema wird und dass die Imame in ihren Predigten klarstellen: Wir sind alle Untertanen des gemeinsamen Gottes, es gibt keine Rechtfertigung für solche Übergriffe. Wir alle müssen dieser Gewalt gemeinsam entgegentreten!

antisemitismus6 1524315664 768x432Der Inhaber des Schöneberger Restaurants „Feinberg‘s“ (Fuggerstraße) Yorai Feinberg und seine Freundin wurden aufs Übelste beschimpft – sie filmte die Hasstirade, das störte den 60-jährigen Deutschen nicht. Als Feinberg ein Polizeiauto vorbeifahren sah, hielt er es an, der Hetzer wurde auf die Wache mitgenommen (Foto: Marion Hunger)

Es wäre mein Traum, dass Zehntausende Muslime in Berlin aufstehen und diese Attacke auf das Schärfste verurteilen würden! So wie unser Verein „Aufbruch Neukölln“ nach den Silvester-Übergriffen auf der Kölner Domplatte eine Demonstration organisiert hat. Schon damals habe ich mich gefragt, wo die so genannten muslimischen Männer bleiben, die diese Gewalt öffentlich verurteilen.

antisemitismus5 1524316745Die Zahl antisemitisch motivierter Fälle, darunter auch solche Schmierereien, hat sich zwischen 2013 und 2017 verdoppelt: An mehreren Hauswänden in Neukölln gesehen (und gepostet): ein durchgestrichener Davidstern und ein Hass-Kommentar (Foto: Privat)

Dies zu tun, ist auch in ihrem eigenen Sinne. Niemandem in unserem Land kann es egal sein, wenn unter uns Menschen leben, die Angst haben müssen, auf die Straße zu gehen. Mir jedenfalls ist es nicht egal, und das wird es auch nie sein. Deshalb will ich morgen mit den türkischen und arabischen Männern in meiner Vätergruppe über Antisemitismus sprechen.

antisemitismus1 1524315659 768x432Teilnehmer einer Pro-Palästina- Demo in Neukölln verbrennen am 10. Dezember 2017 eine Fahne mit Davidstern (Foto: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V./dpa)

Denn ich glaube an die Kraft des Gesprächs und habe in meiner 43-jährigen Arbeit schon oft erlebt, was man damit erreichen kann. Ich hatte Männer in meinen Gruppen, die ihren Frauen etwas antun wollten – und Männer, die den Dschihad lobten und sich mit ihm identifizieren. In Gesprächen ist es uns immer wieder gelungen, solche Ansichten abzuschwächen oder die Männer sogar zu einer Abkehr von der Gewalt zu bewegen.

Aber wir dürfen nicht erst tätig werden, wenn etwas passiert ist, sondern wir müssen vorbeugen, damit junge Menschen vom Hass erst gar nicht infiziert werden. Ich hoffe sehr, dass ein neues bundesweites Projekt, an dem ich mitwirke, etwas dazu beitragen kann. Es soll jungen Migranten helfen, ihre Identität zu entwickeln und konstruktive Vorstellungen für ihre Zukunft und ihr Leben in Deutschland zu entwickeln. Es heißt „Deine Zukunft ist in Deinem Kopf“. Hass soll darin keinen Platz haben!

erdogan soziologe 1524315639Kazim Erdogan (Foto: picture alliance / dpa .)

Kazim Erdogan (65) wuchs in Ostanatolien auf und ging 1974 nach Berlin, wo er Psychologie und Soziologie studierte. Er ist Gründer und Vorsitzender des Vereins „Aufbruch Neukölln“ und Gründer der ersten türkischstämmigen „Männer- und Vätergruppe“ in Deutschland.

Von Kazim Erdogan

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